Nach unseren Erfahrungen sind – je nach Kundenportfolio – in der Regel für rund die Hälfte der Kunden Jahresabschlussinformationen öffentlich verfügbar. Gemessen am Umsatzvolumen, das sich dahinter verbirgt, entspricht dies meist mehr als zwei Dritteln des Volumens der ausstehenden Handelsforderungen.
Banken nutzen mathematisch-statistische Ratingsysteme, um die Bonität ihrer Kreditkunden einzuschätzen. Mit § 18 Kreditwesengesetz im Rücken ist es in der Regel für die Bank auch kein Problem, von ihrem Kreditkunden den Jahresabschluss einzufordern. In Handel und Industrie sieht die Sache schon anders aus. Natürlich gibt es auch dort Unternehmen, die von ihren Kunden Jahresabschlüsse erhalten. Nicht zuletzt ist dies auch eine Frage der Marktstellung. Viele Firmen mussten bislang aber weitestgehend auf den Blick in die Bücher ihrer Geschäftspartner verzichten.
Mit der Änderung der Veröffentlichungspraxis ist es nun kein Problem mehr, das finanzwirtschaftliche Zahlenmaterial von ca. einem Drittel der wirtschaftlich aktiven Unternehmen in Deutschland einzusehen. Dies eröffnet dem Credit Manager völlig neue Perspektiven. Die Transparenz über die finanzwirtschaftliche Situation des Debitors ermöglicht eine sehr viel profundere Einschätzung der Bonität des Kunden als dies noch vor 2007 der Fall war.
Was können Ratingsysteme leisten?
Ratingsysteme haben einen ganz einfachen Zweck: Sie verdichten die über einen Schuldner vorhandenen Informationen in einer aussagekräftigen Zahl: Wie wahrscheinlich ist es, dass der Schuldner im Laufe des nächsten Jahres zahlungsunfähig wird? Moderne, mathematisch-statistische Ratingsysteme nutzen also die über den Schuldner vorhandenen Informationen, um eine Prognose über dessen Zahlungsfähigkeit in der Zukunft abzugeben.
Ein Beispiel aus der Gesundheitsforschung: Die Wahrscheinlichkeit, in den nächsten zehn Jahren einen Herzinfarkt zu erleiden, liegt gemäß den Ergebnissen einer deutschen, epidemiologischen Studie bei 3,8 Prozent. Diese Zahl ist ein Mittelwert über die Bevölkerung. Bei Rauchern liegt dieser Wert erheblich höher. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Raucher in den nächsten zehn Jahren einen Herzinfarkt bekommt, liegt bei 6,2 Prozent. Wohingegen das Herzinfarktrisiko eines Nichtrauchers lediglich bei 2,9 Prozent liegt. Berücksichtigt man bei der Prognose des Herzinfarktrisikos zusätzlich das Alter, so ergibt sich eine Risikolandkarte, wie sie in der nachfolgenden Tabelle dargestellt wird:

Alter und Rauchverhalten sind nicht die einzigen Faktoren, die das Herzinfarktrisiko beeinflussen. Ein weiterer Risikofaktor ist der (systolische) Blutdruck.

Die obenstehende Abbildung enthält die Skizze einer „Risikolandkarte“ nach Alter, Rauchverhalten und Blutdruck. Bei drei Risikofaktoren wird aus der einfachen Landkarte bzw. Tabelle ein dreidimensionaler Würfel. In der Abbildung ist die Frontalansicht dieses Würfels zu sehen. Nichtraucher zwischen 35 und 44 Jahren mit einem systolischen Blutdruck über 159 haben ein individuelles Herzinfarktrisiko von 2,4 Prozent. Bei Rauchern zwischen 55 und 65 Jahren mit einem Blutdruck über 159 liegt das Risiko bereits bei 26,7 Prozent.
Im Falle des Herzinfarktrisikos ist für jeden nachvollziehbar, dass sich die Risiken zwischen verschiedenen Personengruppen mit unterschiedlichen Risikofaktoren sehr deutlich unterscheiden. Würde es nun beispielsweise darum gehen, Präventionsprogramme oder ein Notfallprogramm zu managen, dann wäre das oben skizzierte Risikomodell sehr hilfreich, um festzustellen, welcher Patient wie eng „überwacht“ werden muss.
Beim Zahlungsausfallrisiko ist die Situation sehr ähnlich. Das Zahlungsausfallrisiko für Unternehmen mit einer Eigenkapitalquote unter 5 Prozent unterscheidet sich ganz erheblich vom Ausfallrisiko von Unternehmen mit einer Kapitalisierung von über 20 Prozent. Letztlich arbeiten Ratingsysteme wie epidemiologische Krankheitsrisikomodelle: Nach bestimmten Risikofaktoren werden Unternehmen unterschiedlichen Risikokategorien zugeordnet. Beim Rating von Firmen haben sich die Vermögens-, Ertrags- und Finanzlage als sehr aussagekräftige Risikoindikatoren erwiesen. Unserer Erfahrung nach ist die mit solchen Modellen gewonnene Transparenz außerordentlich hoch und bei der jährlichen Validierung unserer Modelle sehen wir immer wieder, wie gut die Prognosekraft dieser Art von Risikomodellen ist. Für den Credit Manager, der Einkaufslimite festlegen und entscheiden muss, wie eng ein Kunde in seinem Zahlungsverhalten überwacht werden soll, ist ein solches Ratingsystem auf der Basis von Jahresabschlussdaten eine außerordentlich große Hilfe.
Integration des Ratings in die Prozesse des Credit Managements
Eine effiziente Möglichkeit, ein Bilanzrating in die Prozesse des Credit Managements zu integrieren, ist die Implementierung in der Credit ManagementSoftware GUARDEAN DebiTEX. Stellt der Credit Manager eine Anfrage für ein Bilanzrating an die GENO-RiskSolutions GmbH, dann wird das angeforderte Rating nach einer kurzen Bearbeitungszeit automatisch in DebiTEX in der Kundenakte hinterlegt. Die Lieferung erfolgt über eine elektronische Schnittstelle. Darüber hinaus befinden sich Debitoren, die ein bestimmtes Kreditlimit übersteigen, in der regelmäßigen Überwachung. Für diese Unternehmen wird automatisch ein Bilanzrating ausgeliefert, sobald neue Jahresabschlussdaten verfügbar sind. Seit einem guten Jahr befindet sich diese Lösung bereits bei der BayWa AG im Einsatz.
Als Alternative zur Schnittstelle in GUARDEAN DebiTEX ist auch eine Lieferung des Ratingberichtes als pdf-Datei per EMail möglich. Für eine Integration in die verschiedenen, auf dem Markt befindlichen Software-Lösungen steht die GENO-RiskSolutions natürlich ebenfalls zur Verfügung.
Dieser Artikel erschien im "Der Credit Manager", 1/2011.
Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers BvCM e.V.









